Aktuelle Nachrichten
PV-Magazin: IEA: Weltweit arbeiteten 3,4 Millionen Menschen 2021 im Photovoltaik-Sektor
Nach einem neuen IEA-Bericht war fast die Hälfte der Beschäftigten der Solarbranche in China tätig, rund 280.000 in Nordamerika, mehr als 260.000 in Europa und rund 50.000 in Afrika. Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten war in der Herstellung und Installation neuer Anlagen tätig, wobei die Löhne in der Solarbranche niedriger sind als in der Atom-, Öl- und Gasindustrie.
Nach dem kürzlich veröffentlichten „World Energy Employment Report“ der der Internationalen Energieagentur (IEA) waren 2019 über 65 Millionen Menschen im Energiesektor beschäftigt, was zwei Prozent der weltweiten Beschäftigung entspricht. Die Hälfte dieser Jobs ist im Bereich der erneuerbaren Energien zu finden, wobei die Photovoltaik mehr Arbeitskräfte beschäftigt als jede andere Stromerzeugungstechnologie.
Die IEA schätzt, dass die Zahl der Beschäftigten im gesamten Energiesektor im Jahr 2021 um rund 1,3 Millionen gestiegen ist und bis 2022 um weitere 6 Prozentpunkte zunehmen könnte, wobei das gesamte Wachstum auf saubere Energien zurückzuführen ist. Die Energieinvestitionen könnten bis 2022 um 8 Prozent auf 2,4 Billionen US-Dollar steigen, wobei jedoch fast die Hälfte des Anstiegs der Investitionsausgaben auf höhere Kosten zurückzuführen ist.
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https://www.pv-magazine.de/2022/09/19/iea-weltweit-arbeiteten-34-millionen-menschen-2021-im-photovoltaik-sektor/
19.09.2022
NDR Info: Warum Landwirte sich jetzt für Solar-Anlagen begeistern
In Niedersachsen steht Deutschlands größte Agri-Photovoltaik-Anlage. So nennt man Anlagen, die auf einem Acker stehen und Solarstrom erzeugen. Immer mehr Landwirte schätzen die Vorzüge - auch für ihre Ernte.
Das Wort "Agri-Photovoltaik" kannte Robert Lettenbichler bis vor vier Jahren gar nicht. Dann aber faszinierte ihn die Idee, auf einem Acker eine Solaranlage zu errichten. Inzwischen kann der 44-Jährige als ein Vorreiter der Technologie gelten. Denn auf dem Grund und Boden seiner Familie im Wendland steht die größte Agri-Photovoltaik-Anlage Deutschlands. Sie liefert Strom, während auf dem Boden Kräuter wachsen. Die Anlage bei Lüchow ist sechs Meter hoch. So kann ein Trecker locker drunterherfahren. Links und rechts am Feldrand - und noch einmal in der Mitte - stehen Stützpfeiler aus Stahl. Insgesamt ist die Anlage 36 Meter breit. Auf dem Gerüst sind Solarmodule angebracht - aber mit Lücken, sodass noch Sonnenlicht auf das Feld fallen kann. Lettenbichler hat für das Feld Schnittlauch ausgewählt, weil die Pflanze zu den Halbschattengewächsen zählt und daher auch unter der Solaranlage gut gedeihen kann.
Die Firma benötigt sehr viel Strom
Als Landwirt würde sich Lettenbichler nicht bezeichnen, eher als Unternehmer. Die Familie hat zwar insgesamt 20 Hektar Land. Aber ihr Geld verdient sie mit getrockneten Kräutern und getrocknetem Gemüse. Gegründet wurde die Firma von Robert Lettenbichlers Ur-Großvater vor rund 100 Jahren, sein Name: Johannes Steinicke. Die Firma Steinicke kommt auf einen Jahresumsatz von 30 Millionen Euro.
Ein Problem ist seit jeher: Die Produktionsanlagen verbrauchen viel Strom. Zumal der Betrieb rund um die Uhr läuft. Im Jahr verbraucht die Produktion in etwa so viel wie 900 Vier-Personen-Haushalte. Deshalb hat sich die Firma schon vor ein paar Jahren Photovoltaik-Anlagen aufs Dach bauen lassen. Aber das reichte der Familie noch nicht, deshalb nun die Solarmodule über dem Acker.
Hohe Kosten am Anfang
Ist die Agri-Photovoltaik-Anlage auf dem Feld teurer als die "normalen" Anlagen auf dem Dach? Robert Lettenbichler sagt: etwa doppelt so teuer. Insgesamt habe sie 1,3 Millionen Euro gekostet. 400.000 Euro davon hat das Bundesumweltministerium übernommen, den Rest hat die Firma Steinicke über einen Kredit finanziert. Die Anlage soll im Jahr mehr als 700.000 Kilowattstunden Strom erzeugen. Insgesamt kann die Firma dann übers Jahr gerechnet 50 Prozent ihres Strombedarfs mit Solarenergie abdecken, wenn man die Photovoltaik-Anlagen auf den Dächern mitzählt. Tagsüber im Sommer können alle PV-Anlagen sehr viel Strom erzeugen, aber im Winter nicht. "Die Monate Dezember und Januar kann man fast rausnehmen bei der Berechnung", sagt Lettenbichler. "Im Winter gibt es zwar auch mal schöne Tage, aber da steht die Sonne einfach zu flach, sie bringt keine Energie."
Andererseits wird Lettenbichler im Sommer einen Teil des Stroms ins öffentliche Netz einspeisen können, wenn die Photovoltaik-Anlagen mehr Strom produzieren, als die Produktion in dem Moment benötigt. Der 44-Jährige geht davon aus, dass sich die Investition in die Agri-PV-Anlage in zehn bis 15 Jahren bezahlt gemacht hat.
Kunden fragen nach dem CO2-Fußabdruck
Die Stromkosten sind für Lettenbichler aber nur ein Grund gewesen, sich auf das millionenschwere Projekt einzulassen. Der andere Grund hat mit den Geschäftspartnern zu tun. "Zu unseren größten Kunden gehören zum Beispiel Nestlé, Unilever und Heinz - die verwenden unsere Kräuter in ihren Suppen oder auf ihren Pizzen", sagt Lettenbichler. Und eben diese international agierenden Kunden achten immer mehr auf die CO2-Fußabdrücke der Produkte. Da macht es sich gut, wenn bei der Produktion viel Strom aus Erneuerbaren Energien verwendet wird.
Wie gedeihen Pflanzen unter der Solaranlage?
Für Landwirte, die sich für eine Agri-PV-Anlage interessieren, ist eine Frage entscheidend: Wie wachsen Kräuter-, Getreide- oder Gemüse-Sorten unter den Solarmodulen? "Es ist noch nicht klar, welche Früchte gut darunter wachsen und welche nicht", sagt Lettenbichler. "Das weiß man zwar aus Pilotstudien, aber im großen industriellen Stil hat man das noch nicht erforschen können." Die Pilotstudien haben ergeben: Kartoffeln, Weizen, aber auch Beerenobst und Äpfel können gut unter einer Agri-PV-Anlage gedeihen. Hingegen lässt sich Mais nicht gut anbauen. Für den Mais werfen die Solarmodule zu viel Schatten.
Im Dürre-Sommer schützen PV-Anlagen die Pflanzen
Eine Expertin auf diesem Gebiet ist Anna Heimsath. Sie leitet am Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) den Bereich Photovoltaik. Das Institut hat von 2016 bis 2021 den Bau und die Erprobung der ersten Agri-PV-Anlage in Deutschland wissenschaftlich begleitet. Diese Anlage steht am Bodensee. Sind die Pflanzen unter der Agri-PV damals besser gediehen als die Pflanzen auf dem freien Feld nebenan? "Bei der Agri-PV-Anlage am Bodensee haben wir im ersten Jahr zunächst einen Rückgang festgestellt, und zwar um bis zu 18 Prozent", berichtet Heimsath. "Im zweiten Jahr gab es dann aber einen trockenen Sommer - und da haben wir zehn Prozent mehr Ertrag gehabt." Vor allem Kartoffeln mittlerer Größe hätten profitiert.
"Um diesen Befund mal zu verallgemeinern: Es gibt durchaus eine Veränderung durch die Agri-PV, weil ja weniger Licht bei den Pflanzen ankommt. Aber es kann von Vorteil sein, wenn es trockener wird, weil mehr Feuchtigkeit darunter bleibt." Und dieser Punkt sei mit Blick auf die Klimakrise besonders interessant. "Wir erwarten ja mehr Trockenheit - und dem können wir durch die Agri-Photovoltaik entgegenwirken", sagt die Heimsath.
Ein Sinneswandel bei vielen Landwirten
Diesen Vorteil sehen immer mehr Landwirte. Dies weiß auch Markus Haastert zu berichten. Er ist Berater für Agri-PV-Anlagen - und hat das Projekt bei der Firma Steinicke im Wendland angestoßen. Insbesondere in diesem Sommer habe er sehr viele Anfragen von Landwirten bekommen. "Sie sagen einfach: Ich hab ein Problem. Ich muss schauen, wie ich meine Pflanzen gegen zu viel Sonne, zu viel Dürre und zu viel Hagel schützen kann", erzählt Haastert. Auch Frost sei ein Thema. "Und dann sagen die Landwirte: Es wäre doch super, wenn wir auf der einen Seite Strom produzieren könnten und auf der anderen Seite ein Schutzsystem haben."
Dieser Gedankengang sei nun öfter zu hören. Bislang habe stets die Strom-Produktion im Fokus gestanden. "Aber das ändert sich gerade in diesem Jahr radikal", schildert der Berater seine Erfahrungen. Solaranlagen auf Ackerflächen könnten eine bedeutende Rolle bei der erforderlichen Energiewende einnehmen. "Am Ende muss man eins wissen: Agri-PV-Anlagen auf vier Prozent der landwirtschaftlichen Fläche könnten den gesamten Stromverbrauch von Deutschland decken", so Haastert.
"Ein Prozent der landwirtschaftlichen Fläche würde ausreichen"
Auch Solarenergie-Expertin Heimsath hält Photovoltaik-Anlagen auf Feldern für einen wichtigen Baustein. "Aber wir wollen natürlich auch noch Photovoltaik auf anderen Flächen installieren - zum Beispiel auf Dächern, an Gebäuden und rund um Verkehrswege. Es gibt auch die schwimmende Photovoltaik auf Seen. Das heißt, es würde vollkommen ausreichen, wenn wir vielleicht ein Prozent der Fläche, die landwirtschaftlich genutzt wird, für Agri-Photovoltaik nutzen."
Bundesregierung setzt auf Ausbau der Solarenergie
So könnte womöglich gelingen, was sich Deutschland vorgenommen hat, um den Abschied von klimaschädlichen Energieträgern wie Öl, Gas und Kohle stemmen zu können. Bis zum Jahr 2030 sollen 80 Prozent des gesamten Stroms in Deutschland aus Erneuerbaren Energien stammen. So sieht es der Plan der Bundesregierung vor. Im vergangenen Jahr stammten rund 43 Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms aus Erneuerbaren Energien. Knapp zehn Prozent kamen aus Photovoltaik-Anlagen. Bis 2030 soll sich die Menge des Solarstroms nun rund vervierfachen.
18.09.2022
PV-Magazin: Österreich startet Förderaktion für die Nachrüstung von Photovoltaik-Speichern
Lohnt sich ein Speicher, lohnt er sich nicht? Viele Eigentümer einer Photovoltaik-Anlage konnten diese Frage bei der Errichtung noch nicht beantworten und entschieden daher, die Batterie zu einem späteren Zeitpunkt nachzurüsten. Dieser Zeitpunkt könnte jetzt gekommen sein, denn das österreichische Bundesklimaschutzministerium lockt mit einer Förderung für solche Vorhaben.
In Österreich ist ab sofort eine Förderung für das Nachrüsten von Batteriespeichern an bestehenden Photovoltaik-Anlagen erhältlich. Das gab das Bundesklimaschutzministerium in dieser Woche bekannt. Anfang Juni hatte das Land die zur Verfügung stehenden Mittel für die Solarförderung aufgestockt.
„Jede Photovoltaikanlage am Dach ist ein Schritt Richtung Unabhängigkeit und Versorgungssicherheit“, so Klimaschutzministerin Leonore Gewessler. „Ganz viele Menschen in unserem Land wollen hierzu einen Beitrag leisten. Mit der Förderaktion für Stromspeicheranlagen unterstützen wir jene Haushalte und Unternehmen dabei, ihre bestehenden Photovoltaik-Anlagen nun auch mit passenden Stromspeichern auszustatten.“ Private Photovoltaik-Anlagenbetreiber hat das Land zudem gerade steuerlich entlastet. Seit Donnerstag stehen insgesamt 15 Millionen Euro für die Nachrüstung bereit. Die Förderhöhe beträgt 200 Euro pro Kilowattstunde. Folglich fördert das Ministerium 75 Megawattstunden Speicherkapazität.
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https://www.pv-magazine.de/2022/09/02/oesterreich-startet-foerderaktion-fuer-die-nachruestung-von-photovoltaik-speichern:
02.09.2022
PV-Magazin: EU-Kommission denkt über Preisdeckel fuer erneuerbaren Strom nach – aber nur inoffiziell
In einem Non-Paper wird der Vorschlag formuliert, den Strompreis unter anderem für erneuerbare Energien zu begrenzen. So soll sichergestellt werden, dass keine Einnahmen erzielt werden, die deutlich über den Kosten liegen.
Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) erwägt mit Blick auf den Strommarkt zurzeit die Möglichkeit, bis zu einer Transformation des Strommarktes mit einer Übergewinnsteuer „exorbitante Gewinne“ einiger Unternehmen sowie der erneuerbaren Energien abzuschöpfen. Ein anderes Modell, nämlich eine Preisobergrenze für Strom aus einigen Quellen wie etwa Photovoltaik und Kohle, schlägt die EU-Kommission in dem 23-seitigen „Non-paper on Emergency Electricity Market Interventions“ vor, das pv magazine vorliegt. Ein Non-Paper ist ein Schriftstück, das informell vorgelegt wird, um die Akzeptanz der Inhalte bei anderen zu testen – bei Widerstand kann es jederzeit zurückgezogen werden, weil es lediglich ein nicht bindendes Diskussionspapier ist.
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https://www.pv-magazine.de/2022/09/02/eu-kommission-denkt-ueber-preisdeckel-fuer-erneuerbaren-strom-nach-aber-nur-inoffiziell:
02.09.2022
PV-Magazin: Lieferengpässe: Diebstahl von Solartechnik nimmt zu
Lieferschwierigkeiten bei Modulen, Wechselrichter und Co könnten den Diebstahl dieser Technik begünstigen. Das Landeskriminalamt Sachsen sieht aktuell eine Häufung der Fallzahlen im Vergleich zum Vorjahr und vermutet die Energiekrise und die steigenden Nachfrage nach Solartechnik dahinter. Die Behörde gibt auch einige Empfehlungen,, wie Betreiber ihre Photovoltaik-Technik schützen können.
Der Diebstahl von Photovoltaik-Modulen und anderer Solartechnik nimmt zu. Glücklich ist, wer aktuell noch auf legalem Wege an Komponenten kommt. Denn durch die Energiekrise steigt die Nachfrage nach Solarmodulen, Wechselrichtern und allem, was dazu gehört. Die Wartezeiten für die Materialien zum Bau einer Photovoltaikanlage können bis weit ins nächste Jahr reichen. Das motiviert auch Langfinger und Hehlerbanden, sich auf anderem Wege Zugang zu der Technik zu besorgen.
Allein in den vergangenen zwei Wochen kam es zu etlichen Meldungen: In Arzberg im Landkreis Wunsiedel wurden 114 Photovoltaik-Module von einer Baustelle gestohlen. Im brandenburgischen Nauen wurde Solartechnik im Wert von 30.000 Euro entwendet. An der Grenze zwischen Brandenburg und Sachsen sind in Gorden-Staupitz 61 Solarmodule aus einer Freiflächen-Anlage verschwunden. Im bayerischen Oberstreu haben Diebe etwa 130 Module aus einem Park geklaut. In Südhessen in Rodgau haben unbekannte Module im Wert von mehreren Tausend Euro auf einer Baustelle mitgehen lassen. Und in Windach bei München wurden Wechselrichter im Wert von 100.000 Euro gestohlen.
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02.09.2022
PV-Magazin: Niedersachsen will Photovoltaik auf „Vorbehaltsflächen Landwirtschaft“ ermöglichen
In ihrer jüngsten Kabinettssitzung hat die niedersächsische Landesregierung einer entsprechenden Änderung des Landesraumordnungsprogramms zugestimmt. Die Kommunen können diese Flächen jetzt mit Solaranlagen beplanen.
Seit 2019 arbeitet Niedersachsen an der Fortschreibung seines Landesraumordnungsprogramms (LROP). Die bisherige Fassung war unter anderem in die Kritik geraten, da sie eine Regelung enthielt, wonach auf sogenannten Vorbehaltsflächen Landwirtschaft – auch in benachteiligten Gebieten – keine Photovoltaik-Freiflächenanlagen gebaut werden dürfen. Die Klimaschutz- und Energieagentur des Bundeslandes hatte erst kürzlich darauf hingewiesen, dass das LROP daher die Spielräume für den Bau von Solarparks massiv einschränke.
Wie der Landesverband Erneuerbare Energien (LEE) Niedersachsen/Bremen e.V. am Dienstag mitteilte, hat die niedersächsische Landesregierung in ihrer Kabinettssitzung das neue Landesraumordnungsprogramm verabschiedet, wonach die Vorbehaltsflächen Landwirtschaft nun durch die Kommunen für die Errichtung von Photovoltaik-Freiflächenanlagen beplant werden können.
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https://www.pv-magazine.de/2022/08/30/niedersachsen-will-photovoltaik-auf-vorbehaltsflaechen-landwirtschaft-ermoeglichen/
30.08.2022
BR24: Zu schwache Infrastruktur: Solarstrom verpufft im Nirvana
Große Photovoltaikanlagen sind aktuell von Abschaltungen betroffen. Der Grund: eine zu schwache Infrastruktur, um den produzierten Strom abtransportieren oder speichern zu können. Den Ausfall bekommen die Anlagenbesitzer trotzdem erstattet.
Die Sonne knallt auf das Dach einer Logistikhalle im mittelfränkischen Aurach. Das ist gut so, denn auf 3.000 Quadratmeter Dachfläche sind Solarpaneele montiert. Seit zwölf Jahren wird hier Strom mit der Kraft der Sonne produziert und ins Stromnetz eingespeist. Auf dem Dach nimmt die Photovoltaikanlage keinen Platz weg und liefert an jedem schneefreien Tag auch Strom – an sonnigen Tagen besonders viel. Jens Husemann, einem Messebauer aus München, gehört die Anlage. Er rechnet im Interview mit BR24 vor, dass seine Anlage 170 Kilowatt pro Stunde leistet und damit faktisch 50 Haushalte versorgt werden könnten. So weit die Theorie der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien.
Theorie versus Praxis
In der Praxis erlebt Jens Husemann anderes: Alleine in diesem Jahr sei seine Solar-Anlage schon 150 Tage vom Netz genommen worden – abgeregelt heißt das in der Fachsprache. Er überwache die Strom-Produktion mit einem täglichen Protokoll, und legt dieses im BR-Interview vor. Seit Februar dieses Jahres ist ab dem frühen Vormittag bis zum frühen Abend keinerlei Stromabgabe ins Netz zu sehen. Husemanns Anlage wurde abgeregelt. Das heißt, Strom für 50 Haushalte, der täglich hätte produziert werden können, ist nie im Stromnetz gelandet. Der 50-jährige Messebauer erklärt das so: Dadurch, dass immer mehr PV-Anlagen gebaut würden, müssten immer mehr Anlagen vom Netz genommen werden, weil die Infrastruktur den Strom nicht befördern könnten. Das bestätigt auch der zuständige Energieversorger N-Ergie im BR-Interview.
Infrastruktur fehlt
Der Grund: Es fehlt gerade bei größeren Anlagen ab einer Leistung von mehr als 100 Kilowatt/Stunde vor Ort an ausreichend Stromleitungen, Trafohäusern und Stromspeichern – also Batterien. Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind deswegen im vorvergangenen Jahr 6,1 Terawattstunden Strom im Nirwana verschwunden. Das entspricht etwa einem Prozent des bundesweiten Stromverbrauches.
Für die Infrastruktur der Anlage von Jens Husemann ist die in Nürnberg sitzende N-Ergie zuständig. Der Energieversorger hat in seinem Versorgungsgebiet schon einen dreistelligen Millionenbetrag in die Lösung des Problems gesteckt, erklärt Reiner Kleedörfer, Leiter der Unternehmensentwicklung bei der N-Ergie. Kleedörfer macht für das Hinterherhinken des Netz-Ausbaus aber vor allem die Politik verantwortlich. Sein Unternehmen habe in den letzten Jahren wahnsinnig viel Geld investiert, so der Prokurist im BR-Interview. Dadurch seien etwa die 70.000 Anlagen relativ stabil an das Netz der N-Ergie gebracht worden.
Die Investitionsausgaben hierfür stiegen Jahr für Jahr sehr deutlich an. Wenn eine hohe Anzahl von Anlagen gleichzeitig gebaut wird, der Ausbau der Netzinfrastruktur aber ungemein länger dauere – etwa wegen eines Fachkräftemangels, Materialmangels oder langwieriger Genehmigungsverfahren – liefen beide Dinge zeitlich auseinander, so Kleedörfer.
Dilemma für alle
Die N-Ergie will also mehr ausbauen, wartet aber noch immer auf klare Vorgaben seitens der Politik, die etwa Investoren beim Bau erneuerbarer Energiequellen verpflichtet, gleichzeitig Speicherquellen direkt an den Anlagen zu errichten. Die Bundesnetzagentur sieht das Problem fehlender Infrastruktur in Bezug auf die zunehmende Strom-Produktion durch erneuerbare Energien. Ein Sprecher äußert sich schriftlich auf BR-Anfrage: "Speicherkapazitäten können nur in kleinem Umfang hinter einem Netzverknüpfungspunkt Erzeugungsspitzen abfangen. Größere Speicherkapazitäten im Netz würden das adressierte Problem nicht lösen. Tatsächlich müssen die betroffenen Verteilnetzbereiche ertüchtigt und ausgebaut werden. Über allem steht das Bundesverfassungsgericht. Es pocht auf die Einhaltung der Klimaschutzziele und damit auch auf den Ausbau der erneuerbaren Energien."
PV-Anlagenbetreiber ist wütend
Jens Husemann will bei all dem mitmachen mit seiner Photovoltaikanlage auf dem Dach des Transportunternehmens. Aber Husemann kann nicht, weil seine Anlage bei zu viel Sonneneinstrahlung abgeregelt wird.
Der eigentliche Irrsinn: Der nicht produzierte Strom wird ihm trotzdem bezahlt – vom zuständigen Energieversorger N-Ergie. Alleine in diesem Jahr sind schon mehr als 30.000 Euro Ausfall für den Anlageneigentümer Husemann zusammengekommen. Ihm werde die Zeit, in der die Anlage ausgeschaltet wurde, vergütet. Wütend mache ihn das, wenn gleichzeitig die Strom- und Gaspreise nach oben gingen, platzt es aus dem 50-Jährigen im BR-Interview heraus. Bei dem nach seinen Angaben weltweit höchsten Preis für eine Kilowattstunde Strom in Deutschland habe er für die jahrelange "Schluderei" der Politik kein Verständnis mehr.
Er habe in die Photovoltaik-Anlage nicht nur der Rendite wegen, sondern auch aus Überzeugung heraus, klimafreundlichen Strom anbieten zu können, investiert. Völlig unverständlich sei ihm, dass auch aus Gas Strom hergestellt und auf der anderen Seite der aus erneuerbaren Energien weggeworfen werde.
Die Kunden zahlen
Für Strom, der nie in einer Steckdose gelandet ist, muss also gezahlt werden. Und zwar von allen Stromkunden, die selbst spätestens ab dem Herbst Energie einsparen müssen. Der Leiter der Unternehmensentwicklung der N-Ergie, Reiner Kleedörfer macht im BR-Interview unterdessen wenig Hoffnung auf schnelle Besserung. Diese Abschaltungen aller großen Anlagen, die bis Ende 2022 in Betrieb genommen würden, werde es perspektivisch noch zwei bis drei Jahre geben, so Kleedörfer. Das heißt: Bis die Rückstände im Infrastrukturausbau aufgeholt werden können, werden diese Ausfallzahlungen weiterhin an alle Stromkunden durchgereicht.
Korrektur: In einer früheren Version des Textes hieß es unter dem Absatz "Infrastruktur fehlt": "Nach Angaben der Bundesnetzagentur sind deswegen im vorvergangenen Jahr 6,1 Terawattstunden Strom im Nirwana verschwunden. Das entspricht etwa zehn Prozent des bundesweiten Stromverbrauches." Dies war nicht korrekt "Das entspricht etwa einem Prozent des bundesweiten Stromverbrauches." Die Zahl wurde korrigiert.
02.09.2022
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